Ein Loblied auf den Müßiggang? Endlich tun, was man wirklich will. Das ist perfekt, oder?


Endlich tun, was man wirklich will. Das ist perfekt, oder? Das war doch immer das Ziel? Eigentlich!


Ich war mehr als 60 Jahre im Weltgeist des Wirtschaftswunders/ Wirtschaftswachstums zu Hause. In der Welt der „protestantischen Ethik“, in der es – von Kindesbeinen an hieß: Mach dich nützlich, arbeite, leiste deinen Anteil, trag was bei, träum nicht, stiehl dem lieben Gott nicht den Tag! . ….. Ihnen fallen sicher noch ein paar so „Stehsätze“ ein, die Sie – so wie ich auch – vielleicht immer wieder gehört und auch verinnerlicht haben.

Faulheit war eine Todsünde, die Fleißigen und Disziplinierten waren die Helden! Und es war ganz klar: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“! Erst heute erkenne ich, wie sehr ich dieses Ethos auch an meine Kinder weitergegeben habe, ohne ihnen auch eine Anleitung für den Ausstieg mitzugeben. (Vielleicht kann ich das jetzt dann irgendwie nachholen)


Diese Ethik wird leider auch durch unsere konservative Regierung wieder verschärft. "Leistung muss sich wieder lohnen!" und wehe denen, die in der "sozialen Hängematte" liegen bleiben. Auch erkennt man es daran, dass die „faulen Griechen und Italiener“ – Südländer eben – nichts von unserem Geld haben sollen. Und schon gar nicht die Migranten! Und den „Faulen“, das sind die, die in der Früh nicht aufstehen – hauptsächlich Wiener – gibt man möglichst wenig (zum Leben zuwenig) soziale Unterstützung. Und das auch in Zeiten, in denen Arbeitsplätze dank Corona eher knapp geworden sind.


Diese Ethik sorgt bei uns für lebenslangen Aktionismus. Wer die Arbeit verliert, verliert

Seine Selbstachtung. Schlechtes Gewissen wird mitgeliefert. Wer sich nur durch Leistung

definiert, sieht seine Existenzberechtigung ausschließlich in der Anstrengung, im Nützlich sein, kann

in einem einfachen „So-sein“ keinen Wert erkennen.

UND DANN:

Jetzt sollte ich die „wohlverdiente“ Pension „genießen“? Jetzt könnte ich endlich tun, was ich will.

Das war ja immer das Ziel? Eigentlich?!

Jetzt müsste die Zeit des „süßen nichts Tuns“ kommen, endlich die Zeit, des „dolce far niente“!

Eigentlich?!

Woher kommt dieser schale Beigeschmack?

Was hat die „protestantische Ethik“, die 60 Jahre mein treuer Begleiter war, hier für mich

vorgesehen, um mit dem Leben in absoluter Freiheit besser zurecht zu kommen.


NICHTS! Absolut nichts! Ich habe zu diesem Thema nichts gelernt.


Das bedeutet, dass ich dringend ein neues Verhältnis zu den Tugenden brauche, auf die sich unsere

Kultur am meisten einbildet: den Fleiß und die Disziplin.

Ich muss die „Merksätze“ meiner Kindheit plötzlich löschen und/oder austauschen. Ich muss lernen,

dass ich „an und für sich“ jemand bin. Dass ich wertvoll bin, ohne mich nützlich zu machen, ohne

eine Leistung zu erbringen.

Ich muss lernen das Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ zu ersetzen, ich muss „Die

Kunst des Müßiggangs“ (Hermann Hesse) lernen, ein „Lob des Müßiggangs“ (Bertrand Russell, 1935) singen.

Das Nichtstun, der Müßiggang, bedeutete stets die Zeit, die man für sich selbst verwendet.

Es ist die Zeit des Nachdenkens, die Zeit Neues zu entdecken, intellektuell zu arbeiten.

Es bedeutet, dass das, was man tut, einfach gerne tut, weil man es wirklich tun will. Nicht

(nur) weil etwas Nützliches dabei entsteht.


Nur, wie finde ich heraus, WAS ich WIRKLICH will, was mir wirklich wichtig ist?

Ohne dass die „Merksätze der Kindheit“ hier Einfluss nehmen.

Wie finde ich heraus, WER ich WIRKLICH bin, ohne dass mir die Anerkennung für die

Leistungserbringung dazu etwas anzeigt?


Das alles schaut nach „harter Arbeit“ aus. Nach Arbeit, die ich wirklich machen will. Und auch

Machen muss. Denn ich will in zufriedener GELASSENHEIT alt werden.


15 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
abstrakte Struktur
Nutzen Sie die Gelegenheit zum 
unverbindlichen Kennenlern-Gespräch
in den Praxisräumen von Elisana, Museumstr. 31a, 4020 Linz

neu im Blog "rund ums Thema"
FITNESS-TRAINING FÜR DIE SEELE

MARIA TOPF

Senior Coach